OLD SUREHAND   1. TEIL

ORIGINAL FILM STORY UND FILM BILDER


FORTSETZUNG TEIL B:  OLD SUREHAND 1. TEIL   TEIL A

Die vier ritten nicht den gleichen Weg zurück, den Judith und Toby gekommen waren. Old Surehand kannte eine Abkürzung, die über ein felsiges, mit einzelnen Büschen bestandenes Hochplateau führte. Dort, wo das Plateau zu einer Senke abfiel, stand hart am Abgrund eine uralte, vertrocknete Silberpappel. Als sich die Reiter dem Baum näherten, hob Old Surehand plötzlich Schweigen gebietend die Hand. Der Schrei eines Käuzchens ertönte von der Riesenpappel her. «Wartet hier», befahl Old Surehand kurz und ritt allein weiter. In der Nähe des Baumes traf er mit Winnetou zusammen, der ihn ernst begrüßte. Danach teilte ihm Winnetou mit: «Von Fort Brighton sind Soldaten ausgeschickt worden. Wenn Maki-Moteh davon erfährt, wird er meinen, ihr habt es veranlaßt, und dann kann niemand mehr einen Krieg verhindern. Kann Surehand die Soldaten nicht aufhalten?» Dieser versprach, zu tun, was er könne. Winnetou hatte aber noch eine andere Neuigkeit zu berichten. Etwa zwei Stunden westlich von hier habe er eine alte, längst verlassene und gänzlich verlotterte Posthalterei beobachtet. Ein Reiter sei in gestrecktem Galopp darauf zugeritten, habe angehalten und sei in das Gebäude gegangen. Winnetou habe in ihm den «General» erkannt, der Maki-Moteh die 100 Gewehre versprochen habe. Old Surehand zeigte deutlich seine Befriedigung über diese Auskunft. Er sagte: «Dieser Mann ist der Mörder meines Bruders. Jahrelang habe ich auf eine Begegnung mit ihm gewartet. Ich danke dir, Winnetou!» Dieser blickte seinen Freund ein Weilchen lächelnd an, hob dann grüßend die Hand, wendete sein Pferd und verschwand. Old Surehand sah ihm einen Augenblick nach, dann galoppierte er zu den andern zurück. Er erzählte ihnen kurz die Neuigkeit von den Soldaten und daß sie um jeden Preis aufgehalten werden müßten. Dann bat er Toby, ins Fort zu reiten und General Brown zu bitten, die Soldaten sofort zurückzurufen. Er solle ihm sagen, Old Surehand hätte zwingende Gründe dafür. Dann machte er Toby auf die Gefährlichkeit des Rittes aufmerksam. Aber Toby wollte nichts davon hören. Er kenne Fort Brighton, sagte er, bat Judith, auf sich aufzupassen und galoppierte davon. Hinter einem Felsen erhob sich ein Bandit, der alles beobachtet hatte, bestieg sein Pferd und machte sich in entgegengesetzter Richtung auf den Weg.
Old Surehand ritt mit Old Wabble und Judith nach der verlassenen Posthalterei, um dort mit dem «General» zusammenzutreffen. Dieser war durch den Banditen von dem bevorstehenden Besuch unterrichtet worden und beobachtete die drei Reiter aus sicherer Entfernung. Vor der Posthalterei lag Potter in Deckung, um ihre Ankunft rechtzeitig im Haus zu melden. Als sie auf dem Platz vor dem Hause von ihren Pferden sprangen, war Potter längst verschwunden, und nichts deutete auf die Anwesenheit von Menschen hin. Judith sagte: «Es sieht aus, als ob hier niemand wohnte.» Doch Old Wabble schnupperte und lachte dann: «Dieser Niemand kocht aber eine Hühnersuppe!» Old Surehand nahm sein Gewehr aus dem Sattelhalfter und deutete den andern, ihm zu folgen. Dann klopfte er kurz an die Tür; stieß sie auf und trat ein.

Er kam in eine finstere Küche. Am Herd stand eine Frau und rührte in einem dampfenden Suppentopf. Erstaunt drehte sie sich um, als sie die Eintretenden hörte, und stieß einen Schreckensschrei aus. Old Surehand entschuldigte die Störung damit, daß er geglaubt habe, das Haus sei unbewohnt. Die Frau hatte sich schnell von dem Schrecken erholt. Sie stellte sich als Delia vor und lud die drei Fremden ein, hereinzukommen. Als sie Old Wabbles hungrigen Blick auf den Suppentopf bemerkte, bot sie ihnen sogar ein Nachtessen an. Sie koche immer mehr, als für sie allein nötig wäre, damit ihr Mann, wenn er unerwartet von der Jagd heimkehre, etwas zu Essen vorfinde. Judith war sehr erfreut über das Angebot und half Delia eifrig beim Tischdecken. Ungeduldig wartete Old Wabble mit dem Schöpflöffel in der Hand neben dem Suppentopf. Delia rief ihm gerade zu, er könne die Suppe schöpfen, als direkt über ihren Köpfen ein Poltern ertönte. Erschrocken schauten alle zur Decke. «Ihr sagtet doch, ihr wäret allein hier», sagte Old Surehand zu Delia. «Ach ja», antwortete diese, «mein alter, kranker Vater lebt dort oben, ich hab es euch nur zu sagen vergessen. Aber setzt euch doch und eßt, ich gehe nur schnell hinauf und sehe nach, was er braucht.» Über eine schmale Leiter stieg Delia zur Decke hinauf, öffnete eine Klappe und verschwand im oberen Raum. Dort befand sich aber nicht ihr alter Vater, sondern Potter und der Bandit Wynand saßen auf dem Boden. Durch ein Loch in der Falltür hatte Potter alles beobachtet, was unten geschah. Als Wynand auch einmal durch das Loch gucken wollte, stolperte er und verursachte den Lärm, der unten gehört worden war. Flüsternd fragte Delia: «Sind es die richtigen?» Potter antwortete eifrig: «Ganz sicher! Du wirst ihnen jetzt den Wein geben, dann können wir den Rest besorgen.» Dann stieg Delia wieder in die Küche hinunter und erklärte: «Er wollte nur wissen, wer ihr seid.»
Als die Suppe gegessen war, öffnete Delia eine Weinflasche und schenkte jedem ein Glas ein. Zur Begrüßung, sozusagen, erklärte sie lächelnd. Old Wabble leerte sein Glas mit einem Zug. Auf Judiths Warnung, sich nicht zu betrinken; antwortete er prahlerisch: «Ich kann gar nicht betrunken sein.» Aber gleich darauf fiel ihm der Kopf zur Seite - er schlief. Als er im Schlaf eine heftige Bewegung machte, kippte der Stuhl um, und er fiel zu Boden. Wütend stolperte er wieder auf die Füße und stöhnte: «Ich bin nicht betrunken, nur müde, müde ...» Surehand bat Delia, seinem Freund einen Raum zu zeigen, wo er schlafen könne, sie seien weit geritten. Dabei dachte er: «Merkwürdig, so habe ich ihn noch nie gesehen.» Kaum lag Old Wabble in der winzigen Kammer auf dem Bett, als er schon zu schnarchen anfing. Auch Judith spürte die Wirkung des Weins. Sie stützte den Kopf in die Hände, murmelte eine Entschuldigung und fiel dann vornüber auf den Tisch. Old Surehand hob sie auf und trug sie in die Schlafkammer. Old Wabble mußte es sich auf dem Boden bequem machen, und Judith wurde auf das Bett gelegt.
Dann kehrte Surehand schwankend in die Küche zurück und lehnte sich erschöpft an die Wand: «Nun gut, das wars also», lallte er mit schwerer Zunge. «Was war in dem Wein?» Grinsend antwortete Delia: «Das werdet ihr nie erfahren!» Jetzt

schwankte Old Surehand wieder und plumpste dann plötzlich ohnmächtig auf das Bett an der Wand. Delia näherte sich ihm auf Zehenspitzen, sah lange auf ihn hinab und rief dann zur Decke hinauf: «Alles in Ordnung, Jim, du kannst herunterkommen.» Gleich darauf öffnete Potter die Klapptüre und stieg die Leiter herunter. Wynand blieb oben, um ihm im Notfall Feuerschutz zu geben: Potter trat zu Old Surehand und betrachtete ihn mißtrauisch. Aber der gefürchtete, für unüberwindbar geltende Westmann rührte sich nicht. Da wandte sich Potter grinsend zu Delia und frohlockte: «Wir haben es geschafft! Wir haben es geschafft! Der «General» wird uns 10 000 Dollars für seinen Kopf bezahlen! Zehntausend Dollars!» Nach diesem Freudenausbruch drehte er sich wieder um, hob langsam die Pistole und zielte auf Surehands Kopf. Dann sagte er über die Schulter zu Delia: «Es ist nur ein Jammer, daß er niemals erfahren wird, wer es getan hat!»
In diesem Moment schoß Old Surehand in die Höhe, schlug Potter die Pistole aus der Hand und richtete seine eigene gegen ihn. Dabei knirschte er: «Aber er wird erfahren, wer es nicht getan hat!» Delia starrte ihn erschrocken an und stammelte: «Aber - ich verstehe nicht - ihr habt doch auch - von dem - Wein getrunken?» Doch Surehand schüttelte den Kopf: «Ich trinke niemals Wein, nur Bier. - Und jetzt hebt ihr beide schön brav die Hände und bleibt ruhig.» Potter hob langsam die Hände. Seine Augen wanderten nach oben zu der Klapptüre. Old Surehand bemerkte den Blick, warf sich blitzschnell zur Seite, und schon krachte ein Schuß aus dem Guckloch. Surehand feuerte blitzschnell zweimal hintereinander zurück.
Die drunten konnten nicht sehen, daß Wynand durch die Bretter hindurch getroffen wurde und langsam vornüber sank. Sie bemerkten nur, wie sich die Klapptüre ein klein wenig senkte, als sein Körper darauf fiel.
Delia hatte sich die Schießerei zunutze gemacht und Potters Pistole vom Boden aufgehoben. Jetzt warf sie sie ihrem Spießgesellen zu. Dieser fing sie geschickt auf und schoß auf Old Surehand. Doch der Schuß ging daneben, nur ein Krug zersprang in Stücke. Surehand verteidigte sich und schoß auch. Noch einen Augenblick blieb Potter stehen, dann fiel er nach vorne - tot. Schreiend wollte sich Delia auf ihn stürzen, besann sich aber anders und hob statt dessen die Pistole auf. Drohend ging sie auf Old Surehand zu und keifte: «Ihr habt ihn mir getötet, ihr sollt es büßen!» Langsam brachte sie die Pistole in Anschlag, und ihr Finger krümmte sich schon am Abzug. In diesem Augenblick splitterte über ihren Köpfen Holz, die Klapptüre flog auf, und der tote Wynand fiel ihnen vor die Füße. Delias Pistole ging los, traf aber nicht. Delia sah von ihren beiden toten Spießgesellen zu Surehand und ließ dann die Pistole fallen.
Jetzt erschien auch Old Wabble wieder in der Küche. «Warum macht ihr solchen Krach? Dabei kann kein Mensch schlafen!» reklamierte er. Old Surehand erklärte ihm alles in kurzen Worten und weckte dann Judith auf. Noch etwas wackelig stieg diese auf ihr Pferd, meinte aber, es werde schon gehen. Als die drei von der Posthalterei wegreiten wollten, stürzte

ihnen Delia nach und schrie, sie dürften sie nicht mit den beiden Toten allein lassen, was sie machen solle. Doch Old Surehand empfahl ihr ungerührt, die Banditen doch zu begraben. Dann gab er dem Pferd die Sporen und sprengte den andern voran talwärts.
Toby war die Nacht durchgeritten, um möglichst schnell nach Fort Brighton zu kommen. In der Morgendämmerung näherte er sich einem gewaltigen Wasserfall, dessen Tropfenschleier von den ersten Sonnenstrahlen mit Silbersternen bestreut wurden.
Als er gerade um einen Felsen bog, kamen ihm drei Reiter entgegen und hielten genau an der Stelle an, wo ein schmaler Weg nach links abzweigte. Toby konnte ihnen nicht ausweichen, und er wollte es auch gar nicht. Er war viel zu unerfahren, um zu erkennen, daß die drei Männer Banditen waren. Er hielt an und fragte die Reiter nach dem Weg. «Das trifft sich gut», antwortete der eine, «wir müssen auch nach Fort Brighton zum «General». Ihr könnt euch uns anschließen. Toby glaubte ihnen und schon nahmen sie ihn wie einen Gefangenen in die Mitte und bogen mit ihm in den schmalen Seitenweg ein.
Die drei Banditen ritten mit Toby ins Gebirge hinein und führten ihn zuletzt in ein steil ansteigendes Felsental. Auf der einen Talseite öffnete sich in der Felswand ein schwarz gähnendes Loch. Vor diesem Höhleneingang hielten die Banditen schließlich an. Toby sprang vom Pferd, deutete auf das Loch im Felsen und fragte erstaunt: «Das soll Fort Brighton sein?» Der Reihe nach schaute er dabei seine Begleiter an. Diese konnten sich nicht länger zurückhalten. Sie verzogen ihre Gesichter zu einem boshaften Grinsen und brachen schließlich in ein schallendes Hohngelächter aus. Jetzt erst erkannte Toby, daß er Banditen auf den Leim gegangen war. Er war sich sofort klar darüber, daß er nun seinen Auftrag nie werde ausführen können, doch er Sprach kein Wort. Einer der Banditen sagte schließlich, auf den Höhleneingang weisend: «Da hast du dein Fort Brighton, wir nennen es nur das Labyrinth des Todes. Wer sich darin nicht auskennt, sieht die Sonne nie wieder. - So, und jetzt kannst du dem «General» deine wichtige Mitteilung überbringen.» Damit stieß er Toby mit der Faust in den Rücken und schob ihn auf den Höhleneingang zu.
Hinter einer Felsnase versteckt hatte Winnetou alles beobachtet. Als die drei Banditen mit Toby in der Höhle verschwunden waren, huschte er leise davon.
Toby wurde in eine große Höhle geführt. Hinter einem zum Schreibtisch behauenen Felsblock saß der «General» und studierte Bens Goldminenplan, als ihm der Gefangene gemeldet wurde. Er war allerdings über Tobys Ankunft nicht erfreut. Er schnauzte die Banditen an, wer ihnen denn erlaubt habe, fremde Leute herzuschleppen. Als die drei erklärten, Potter habe es ihnen befohlen, fragte ihr Kumpan Joe: «Tja - wo steckt denn eigentlich Potter?» Der «General» antwortete kurz: «Er erledigt Old Surehand.» Joe war skeptisch: «Das wollten schon viele, aber der ist zäh», meinte er und entfernte sich kopfschüttelnd.

Der «General» musterte jetzt Toby von oben bis unten. Er erkannte in ihm sofort Richter Edwards Büroangestellten. Dann begann er ihn auszufragen über woher und wohin und in wessen Auftrag er unterwegs sei. Aber er bemühte sich umsonst. Toby gab auf keine einzige Frage Antwort. Schließlich verlor der «General» die Geduld. Er stand auf und drohte: «Du hast eine halbe Stunde Zeit. Wenn du dann sprechen willst - und du wirst bestimmt wollen -, brauchst du nur die Wache zu rufen.» Dann trat er zu den Wächtern und gab ihnen genaue Anweisungen.
Die Wächter nahmen Toby sofort in die Mitte und schleppten ihn weiter in die Tiefen des Labyrinths. An einem unterirdischen See hielten sie an. Die riesige Höhle wurde kaum erhellt von den Fackeln, die an Tropfsteinsäulen befestigt waren. In dem schwarzen, glatten Wasser spiegelte sich jedes einzelne Licht. Toby wurde mit starken Stricken an einen dicken Tropfstein gefesselt, so da8 er sich nicht mehr bewegen konnte. Dann mußte er zusehen, wie eine Todesfalle für ihn aufgebaut wurde. Die Banditen hängten etwa einen Meter über seinem Kopf an einem dicken Tau einen mächtigen Tropfsteinbrocken auf. Das Tau führten sie vom Stein zur Felswand, wo es befestigt wurde. Zum Schluß stellten sie eine brennende Kerze darunter. Wenn die Flamme das Tau durchgesengt hatte, mußte der Felsblock herunterfallen und Toby zermalmen. Als alles zu ihrer Zufriedenheit hergerichtet war, verließen die Banditen die Höhle. Toby blieb allein zurück und starrte zu dem Felsblock hinauf. Jetzt wußte er, warum ihm der «General» eine halbe Stunde Zeit gegeben hatte. Ungefähr solange würde es dauern, bis die Kerzenflamme ihr Werk vollendet hatte.
Langsam verrann die Zeit. Toby dachte an Judith, an Old Surehand, an Old Wabble, an die stolze Gestalt Winnetous, den er nur von weitem gesehen hatte. Immer wieder wanderte sein Blick zu dem Steinblock über seinem Kopf und zu der Kerzenflamme, die das dicke Tau schon angesengt hatte.
Der «General» ging in die Haupthöhle, um sich dort die halbe Stunde mit dem Studium des Planes zu vertreiben. Mitten in der Höhle brannte ein großes Feuer. Er zog den Plan aus der Tasche, ohne auf die Banditen zu achten, die sich im Hintergrund aufhielten. Doch jetzt trat Joe vor, den Revolver in der Hand. Er richtete ihn auf den «General» und befahl böse: «So, jetzt zeigst du uns allen, wo das Gold liegt, verstanden!» Als Antwort warf der «General» den Plan ins Feuer, wo er rasch

in Flammen aufging. Joe rannte herzu und wollte das kostbare Papier retten, aber er kam zu spät, der Plan war schon zu Asche zerfallen. «Du bist verrückt!» keuchte er, und die übrigen Banditen näherten sich drohend. Mit freudigem Grinsen rieb der «General» die Hände, als er antwortete: «Im Gegenteil! Jetzt erst bin ich ganz sicher vor euch. Ihr müßt nun sorgfältig achtgeben, daß mir nichts passiert, denn der kostbare Plan existiert nur noch in meinem Kopf!» Joe war außer sich vor Wut und nahe daran, den «General» zu erschießen. Aber seine Kumpane schrien ihm zu: «Laß ihn! Er hat ja recht! Ohne ihn finden wir das Gold nie!» Da steckte Joe den Revolver ein, spuckte achselzuckend ins Feuer und schlurfte davon. Die andern Banditen folgten ihm.
Während Toby seinen Gedanken nachhing, ruhten Old Surehand, Judith und Old Wabble sich in einem dichten Gebüsch nahe einem kleinen Weiher aus. Plötzlich hörten sie die Hufschläge zweier Pferde. Vorsichtig hielt Old Surehand Ausschau und sah gerade noch zwei Indianer hinter einem Hügel verschwinden. Gleich darauf sah er eine ganze Kavallerieabteilung heranreiten. Sofort führte er sein Pferd aus den Büschen und ritt den Soldaten entgegen. Old Wabble und Judith folgten ihm. Erstaunt hielten der Captain und der Sergeant an, als sie die drei Reiter herangaloppieren sahen. Schon zügelte Old Surehand vor ihnen sein Pferd und grüßte. Dann fragte er: «Warum seid ihr hier? Habt ihr meine Nachricht nicht bekommen?» Erstaunt antwortete der Captain, er wisse nichts von einer Nachricht. Old Surehand stellte sich dem Captain nachträglich noch vor, und als dieser den berühmten Namen hörte, schwand sein Mißtrauen. Er ließ sich von Surehand beiseite nehmen und hörte seinen Erklärungen aufmerksam zu. Old Surehand schloß mit den Worten: «Ich bitte euch, begebt euch nicht auf Comantschengebiet, sonst bricht eine Kriegshölle los, die niemand aufhalten kann.» Der Captain war beeindruckt von diesen Worten, erwiderte aber, er könne seinem Befehl nicht zuwiderhandeln. Und sein Befehl laute, das Gebiet der Comantschen zu besetzen. Aber Surehand redete ihm eindringlich zu: «Manchmal ist es ehrenhafter, einen Befehl nicht auszuführen. Kennt ihr das Tal der Skelette? Nein? Aber ihr habt doch einen Führer, der euch den Weg zeigen kann?» Der Captain winkte einen älteren Indianer, den Führer Bonoja, herbei. Dieser gab an, das Tal der Skelette zu kennen. Surehand gab ihm den Befehl, die Soldaten dorthin zu führen. Den Captain bat er, auf alle Fälle dort auf ihn zu warten und unter keinen Umständen zu schießen.

Er werde dann ohne einen Tropfen Blut zu vergießen eine wichtige Schlacht gewinnen. Der Captain entschloß sich nach kurzem Nachdenken, Old Surehands Rat zu befolgen. Er erklärte sich auch bereit, Judith und Old Wabble unter seinen Schutz zu nehmen. Old Surehand selbst machte sich auf den Weg, um Toby zu suchen. Er wußte, daß etwas mit ihm schief gegangen war und machte sich Sorgen um ihn.

Hoch über der Höhle, in welche Toby gebracht worden war, huschte lautlos und schnell wie eine Katze Winnetou zwischen den Steinen herunter und verschwand in der Dunkelheit eines anderen Höhleneinganges. Dumpfes Brausen erfüllte die Luft, und bald stand Winnetou an dem reißenden Fluß, der hier durch die Höhle schäumte. Nicht weit von ihm lehnte ein Bandit an einem Felsen. Er hatte diesen Geheimzugang zu dem Labyrinth zu bewachen. Winnetou mußte an ihm vorbei, um tiefer in die Höhle vordringen zu können. Geduckt schlich er den Mann von hinten an. Einmal rutschte er auf den nassen Felsen ein wenig aus, und sein Mokassin verursachte ein leise kratzendes Geräusch. Der Wächter hörte es und fuhr herum. Als er Winnetou sah, wollte er seinen Colt ziehen, aber er war zu langsam. Winnetou sprang ihn an, schlug ihm den Revolver aus der Hand und versetzte ihm einen Hieb vor das Kinn. Der Bandit war betäubt und stürzte hintenüber in den Fluß, dessen Fluten ihn mit sich fortrissen. Mit langen Sprüngen setzte Winnetou von Fels zu Fels über das Wasser und verschwand in der nächsten Höhle.
Toby sah eben wieder verzweifelt zu dem Steinbrocken hinauf, als der «General» wieder in die Seehöhle trat. Er ging zuerst zu der Kerze und betrachtete kritisch ihr Zerstörungswerk. Dann trat er zu Toby, zeigte auf das schon stark angesengte Tau und sagte: «Viel Zeit haben wir nicht mehr. Hast du mir nichts zu sagen?» Toby schwieg. «Na schön, dann fahr zur Hölle», zischte der «General» und wandte sich von Toby ab. Seine Schritte verhallten im dunklen Höhleneingang.
Toby war wieder allein. Angst und Entsetzen erfüllten sein Herz. Eintönig fielen Tropfen von der Decke ins Wasser. Sie kamen Toby vor wie das Ticken einer Uhr, die die Sekunden bis zu seinem Tode zählte. Auf seiner Stirn standen Schweißtropfen. Mit einem Seitenblick sah er, wie wieder eine Faser des Taues herunterfiel. Lange würde es nun nicht mehr dauern. Mit aufgerissenen Augen erkannte er, daß sich der Stein, von dem nachgebenden Tau aus dem Gleichgewicht gebracht, leise, fast unmerklich zu drehen anfing. In Erwartung des Todes schloß er jetzt die Augen.
Da tauchte Winnetou hinter einem Felsen auf. Mit raschem Blick erkannte er die Gefahr, die Toby, drohte. Blitzschnell zog er sein Messer und warf es. Die scharfe Schneide rasierte die Kerze von ihrem Stein, sie rollte zu Boden und erlosch.

Mit zwei Sätzen sprang Winnetou auf Toby zu, hob das Messer auf und befreite ihn von seinen Fesseln. Dabei flüsterte er ihm zu: «Kommt!»
Beide eilten in die Dunkelheit der Höhle zurück. Kaum waren sie verschwunden, krachte der Tropfsteinbrocken herunter und zermalmte alles unter sich.
Winnetou führte Toby sicher durch alle Windungen der Höhle. Bald sahen sie das Tageslicht durch den Geheimausgang schimmern. Jetzt mußte nur noch der Fluß überquert werden, dann standen sie im Freien. Ohne sich aufzuhalten kletterten sie weiter, bis sie hinter einem Felsen in Deckung gingen, von dem aus sie den Platz vor dem unteren Höhleneingang bequem überblicken konnten. Was sie sahen, überraschte Toby sehr. Winnetous Gesicht blieb unbeweglich, er hatte gewußt, daß dies geschehen würde.
Quer über den Platz vor der Höhle hatten sich etwa zwanzig Comantschen in einer Reihe aufgestellt und reichten einander von Hand zu Hand Gewehre zu. Am Schluß der Kette standen die übrigen Indianer und holten sich jeder eines. Die übrigbleibenden Gewehre wurden gebündelt und auf Packpferde geladen. Zum Schluß kamen noch fünf Munitionskisten dazu. Als die Waffen verteilt waren, traten Maki-Moteh und der «General» aus der Höhle. Wie als Abschluß einer Verhandlung sagte der Häuptling: «100 Gewehre und fünf Kisten Munition für 100 Fuß Land am Teufelskopf. Wir sind quitt, «General». Das Wort «General» sprach Maki-Moteh so aus, als ekle es ihn, es überhaupt in den Mund zu nehmen. Der «General» fühlte auch ganz genau, daß der Indianerhäuptling seine Machenschaften und seine lumpige Gesinnung bis ins letzte durchschaut hatte. Der Abschied fiel sehr kühl aus, und als Maki-Moteh seinen Indianern voraus den Pfad zwischen den Felsklippen hinunterritt, starrte ihm der «General» böse nach.
Kaum waren die Comantschen verschwunden, trat Joe zum «General» und sagte, es nehme ihn wunder, ob sie das richtige Gebiet eingehandelt hätten. Es sei schade, daß er den Plan nicht habe studieren dürfen, vier Augen sähen bekanntlich mehr als zwei. Aber der General wies ihn ab: «Meine Augen sind gut! Das habe ich bewiesen, als ich auf 300 Fuß Entfernung diesen Sohn von Maki-Moteh - ffft - umlegte!» Damit trat er in die Höhle zurück, und Joe folgte ihm.
Winnetou und Toby hatten von ihrem Beobachtungsposten aus alles gesehen und jedes Wort verstanden. Als sich der «General» prahlerisch mit dem Mord an Tou-Wan brüstete, schauten sich die beiden ganz verstört an. Winnetou faßte sich aber schnell und setzte Toby seine Pläne auseinander: «Mein weißer Bruder kennt nun den Mörder, und seine Aussage gilt vor einem Gericht mehr als die eines Indianers, möge er noch so angesehen sein bei seinem eigenen Volke. Old Surehand hat Maki-Moteh den Mörder seines Sohnes

versprochen. Bald werden die Totentrommeln schweigen, Old Surehand muß sich sehr beeilen. Getraut sich mein weißer Bruder, allein zu der verlassenen Posthalterei zu reiten und ihm zu erzählen, was er gesehen und gehört hat?» «Ich reite wie der Teufel!» antwortete Toby eifrig, «aber halt, ich habe ja kein Pferd!» Lächelnd bedeutete ihm Winnetou, über eine Felskante zu blicken. Aus den dort zwischen Felsen weidenden Pferden möge er sich das beste aussuchen. Sich entfernend sagte er noch: «Winnetou selbst wird die Spur dieses Mörders nicht mehr verlassen, bis Old Surehand ihn holen kommt.» Dann huschte er davon, seine Aufgabe auszuführen. Toby holte sich ein Pferd und machte sich auf.
Old Surehand war den Weg nach Fort Brighton geritten, um nach Toby zu suchen, und Toby mußte ein Stück weit diesen Weg zurückreiten. Das Glück wollte es, daß er gerade hier mit Old Surehand zusammentraf. Hastig erzählte er ihm, was er erlebt hatte. Old Surehand sagte darauf, sie müßten sofort ins Tal der Skelette reiten und die Soldaten vor den Waffen der Indianer warnen. Als sie durch ein ödes Bergtal trabten, hörten sie Hufschlag von Indianerpferden. «Das muß Maki-Moteh sein! Rasch in Deckung!» befahl Old Surehand. Auf dem Heimweg durchritten Maki-Moteh und seine Indianer dasselbe öde Bergtal. Hier kam ihnen ein einzelner Reiter entgegen. Der Häuptling konnte bald Bonoja, den Führer der weißen Reitersoldaten, erkennen. Als er heran war, hielten beide an und begrüßten sich förmlich. Trotzdem konnte man bemerken, daß sie einander sehr gut kannten. Maki-Moteh sagte knapp zu Bonoja: «Sprich!» Gehorsam begann dieser zu erzählen: «Die Soldaten sind zu deiner Bestrafung ausgezogen. Wenn der Häuptling der Comantschen den Weißen den Krieg erklärt, werden sie bereits vor seinen Wigwams stehen.» «Wo sind sie jetzt?» erkundigte sich Maki-Moteh. Bonoja berichtete, Old Surehand habe ihm aufgetragen, die Soldaten ins Tal der Skelette zu führen, aber er habe sie in das Tal der verlorenen Schreie gebracht. Darauf erwiderte der Häuptling: «Bonoja hat klug gehandelt Dort werden ihre Skelette viele Monde lang nicht gefunden werden.» Dann gab er das Zeichen zum Weiterreiten. Bonoja schloß sich den Kriegern an.
Hinter Felsen und Gebüsch hatten Old Surehand und Toby reglos gewartet und alles gesehen und gehört. Als die Indianer abgezogen waren, standen sie auf und bestiegen ihre Pferde. «Wir müssen den Captain warnen, es steht schlimmer, als ich dachte. Nur gut, daß wir wissen, wo sich die Soldaten befinden und nicht umsonst ins Tal der Skelette reiten!» Mit diesen Worten jagte Old Surehand davon, dicht gefolgt von Toby. Die beiden scheuten keine Anstrengung und schonten ihre Pferde nicht. Denen stand Schaum vor dem Maul und flog in großen Flocken zur Erde. Ihre Flanken glänzten von Schweiß. Ihre Hufe warfen Erdschollen auf. Als der Weg steiler und felsiger wurde, mußten sie ihr Tempo verlangsamen, und Old Surehand konnte fragen: «Habt ihr Beweise, daß der «General» Tou-Wans Mörder ist?» Toby berichtete, Winnetou und er hätten es beide von ihm selbst gehört.

Winnetou beobachte jetzt das Labyrinth, damit der «General» nicht entkommen könne. Old Surehand beschloß daraufhin: «Gut, wir werden nachher sofort Maki-Moteh diese Neuigkeit mitteilen. Den «General» hole ich mir später. Nach drei Jahren kann ich jetzt wohl noch drei Stunden warten.» Dann ritten sie lange Zeit schweigend. Endlich kam der Eingang zum Tal der verlorenen Schreie in Sicht. Es war nur ein schmaler Spalt zwischen senkrecht ragenden Felswänden, fast nicht zu erkennen für den, der ihn nicht kannte.

Das Tal der verlorenen Schreie war rings von glatten, unersteigbaren Felswänden umgeben. Die Talsohle war ziemlich eben. Es gab auf ihr nur wenige Felsblöcke und Büsche, die Deckung boten. Jede, auch die kleinste Deckung, war von den Soldaten ausgenützt worden. Jetzt lagen sie da, die Gewehre im Anschlag und sich wachsam umsehend. Auch Judith und Old Wabble duckten sich hinter einem Felsbrocken. Der Captain war tief beunruhigt, seit ihm das Verschwinden Bonojas gemeldet worden war. Er hatte sofort Verrat gefürchtet. Jetzt wartete er nervös auf die Feinde. Da ertönte Hufschlag vom Taleingang her. Sofort richteten sich alle Gewehre dorthin. Zwei Reiter tauchten auf. «Toby! - Old Surehand!» schrie Judith und rannte den beiden entgegen. Jetzt trat auch der Captain vor, um die beiden Reiter zu begrüßen. Diese übergaben ihre Pferde dem Sergeanten, und OId Surehand sagte dem Captain sofort, er sei von dem Führer Bonoja an die Comantschen verraten worden. Dies hier sei das Tal der verlorenen Schreie und nicht wie abgemacht das Tal der Skelette. Auch hätten Toby und er Bonoja bei Maki-Moteh gesehen und belauscht. Niedergeschlagen sagte der Captain: «Ich habe es geahnt. Das Tal gefiel mir nicht. Es ist eine Todesfalle. Die Comantschen werden uns hier wie Hasen abknallen, wenn sie uns erwischen.» Old Surehand drehte sich um und blickte hinauf zu den Felsgraten über ihnen. In langen Reihen standen dort oben schon Indianer im Kriegsschmuck. Jeder Felsvorsprung in der zerklüfteten Wand im Hintergrund war von ihnen besetzt So lautlos waren sie angekommen, daß nicht einmal Old Surehand sie bemerkt hatte. «Sie haben uns schon erwischt», sagte er jetzt nur und zeigte dem Captain die unbeweglich stehenden Krieger der Comantschen. «Ich komme vor Kriegsgericht», murmelte der Captain niedergeschlagen, «wenn ich am Leben bleibe.» Surehand versprach, alles zu tun, was in seiner Macht stehe und bat ihn, ja mit dem Schießen zu warten, bis er zurück sei. Er verschwand, und der Captain ließ Alarm blasen.
Neben einem mächtigen Hickorystamm stand Maki-Moteh und schaute ins Tal der verlorenen Schreie hinunter. Ganz genau sah er, wie die Soldaten auf den Alarm hin in Kampfstellung gingen. So einfach würde es für seine Krieger sein, die Bleichgesichter zu besiegen, daß sein Gesicht bei dem Gedanken Unbehagen ausdrückte. Da ertönte dicht neben ihm Old Surehands Stimme: «Maki-Moteh hat recht, das wäre kein Kampf, es wäre Mord.» Der Angeredete fragte ruhig: «Was hat Old Surehand dem Häuptling der Comantschen

mitzuteilen?» Kalt erwiderte Surehand: «Ich will erstens einen Verräter aburteilen.» Suchend blickte er sich um und sah bald den Führer Bonoja. Dieser bemerkte seinen Blick und zog sich zurück. Er folgte ihm langsam, ungehindert von den umstehenden Kriegern. Als Bonoja auf ihn schoß, schoß er zurück, und der Verräter stürzte getroffen ab. Old Surehand erklärte Maki-Moteh: «Ich kann Verräter nicht leiden, seien sie nun weiß oder rot.» Der Häuptling erwiderte unwirsch: «Er war mir nützlich, aber er war ein Wurm und hat seinen Tod verdient. - Und nun: Hat Old Surehand mir den Mörder meines Sohnes gebracht, wie er es versprochen hat?» «Nein, aber ich weiß, wo er ist», antwortete dieser, «es ist der Mann, der euch die hundert Gewehre verkauft hat!» «Ihr lügt», schrie der Häuptling. Doch Old Surehand antwortete ruhig: «Ich lüge niemals.» «Ihr lügt, ihr lügt!» wiederholte Maki-Moteh. «Der Häuptling der Comantschen nimmt sein Versprechen zurück. Ihr habt ihm euer Versprechen nur gegeben, damit die Soldaten ungestört herankommen konnten!» Auf einen Wink des Häuptlings wurde Old Surehand von fünf Kriegern gepackt und an den Baum gefesselt. Als das geschehen war, zürnte Maki-Moteh: «Und nun, großer, unbesiegbarer Old Surehand, nun sieh zu, wie deine weißen Brüder sterben!» Dann trat er an den Abgrund, um seinen Kriegern das Zeichen zum Angriff zu geben. Doch gerade als er die Hand heben wollte, sah er unten Winnetou durch den Taleingang herangaloppieren.
Winnetou ließ sich ohne anzuhalten vom Pferd gleiten und stand direkt vor dem Captain. Suchend schaute er sich einen Moment um und fragte dann, warum Old Surehand nicht da sei. Respektvoll antwortete der Captain, er sei in die Felsen gestiegen, um mit Maki-Moteh zu sprechen. Aber er fürchte, die Comantschen würden nicht mehr mit sich reden lassen. Winnetou beruhigte ihn: «Wartet! Auch Winnetou wird Maki-Moteh aufsuchen.» Er eilte davon und kletterte bald von Felsblock zu Felsblock zum Kommandostand des Comantschenhäuptlings hinauf. Sofort richteten die Indianer auf dem Felsgrat ihre Gewehre auf ihn. Doch Winnetou zeigte sich ihnen in seiner ganzen stolzen Größe, als wollte er ihnen sagen: «Seht, wer hier steht, und haltet an euch!» Dann rief er mit ausgebreiteten Armen, so laut, daß Indianer und Weiße ihn hören konnten: «Maki-Moteh möge hören, was Winnetou ihm zu sagen hat!» Jetzt erschien Maki-Moteh am oberen Felsenrand und gab das Zeichen, die Gewehre zu senken. Dann sagte er laut: «Der Häuptling der Apatschen redet mit gespaltener Zunge wie ein Bleichgesicht. Man sollte ihn töten!» Als Antwort auf diese Schmähung lehnte Winnetou seine Silberbüchse an die Wand und forderte Maki-Moteh heraus: «Worauf wartet also der Häuptling der Comantschen noch? Kann er Kimme und Korn nicht mehr in eine Linie bringen?» Maki-Motehs Augen wurden gefährlich schmal,

als Winnetou noch einmal rief: «Warum schießt Maki-Moteh nicht?»
Old Surehand hatte alles beobachtet und zischte nun dem Häuptling zu: «Wenn ihr Winnetou auch nur ein Haar krümmt, seid ihr ein toter Mann!»
Judith und Toby starrten angstvoll in die Felswand hinauf. Toby riß sein Gewehr hoch und flüsterte dabei immer wieder: «Er wird es nicht wagen - er wird es nicht wagen -» Old Wabble schüttelte den Kopf: «Winnetou hat den Verstand verloren!» Jetzt rief Winnetou wieder: «Warum schießt Maki-Moteh nicht? Ist er ein Feigling geworden?» Dieses Schimpfwort durfte der Häuptling nicht auf sich sitzen lassen. Er forderte von einem Unterhäuptling sein Gewehr und legte auf Winnetou an. Gebannt schauten alle auf den Finger, der sich am Abzug krümmte. Unbewegt stand Winnetou. Maki-Moteh drückte ab, der Schuß knallte, aber immer noch stand Winnetou fest wie ein Baum. Fassungslos schaute ihn Maki-Moteh an, dann untersuchte er sein Gewehr. Jetzt feuerten auch die Krieger ihre Gewehre ab, doch Winnetou fiel nicht.
Winnetou ließ die Arme sinken und rief: «Maki-Moteh wundert sich, daß Winnetou noch lebt. Der «General» hat ihn betrogen und ihm nur nutzlose Platzpatronen verkauft. Er wollte, daß die Comantschen im Kampf gegen die Soldaten unterliegen und er ungehindert das Gold am Teufelskopf holen kann. Um dies zu beweisen, ist Winnetou hergekommen. Er dankt Manitou, daß es noch nicht zu spät war!»
Der Comantschenhäuptling ließ den Blick nicht von Winnetou, als er sagte: «Maki-Motehs Herz ist voller Scham!» In versöhnlichem Ton rief ihm Winnetou zu: «Dann tut, was euch euer Herz befiehlt.» Da trat Maki-Moteh zu Old Surehand und schnitt eigenhändig seine Fesseln durch. Dabei sagte er leise: «Maki-Moteh bittet Old Surehand um Verzeihung. Der Schmerz um seinen Sohn hat seine Augen mit Blindheit geschlagen.» Old Surehand schüttelte ihm die Hand: «Es ist alles in Ordnung. Wir wollen nicht mehr daran denken.»

Die Indianer saßen jetzt mit ihren Gewehren auf den Felsen rings um das Tal. Old Surehand war mit Winnetou und Maki--Moteh ins Tal hinuntergeklettert, um mit dem Captain das weitere Vorgehen zu besprechen. Er erklärte ihm die Sache mit den Platzpatronen und daß der «General» im Labyrinth jetzt nur darauf warte, den Kampfeslärm zu hören. «Und den soll er auch haben», schloß er. «Maki-Moteh, laßt eure Krieger alle die Platzpatronen verknallen, und ihr, Captain, laßt aus allen Gewehren Sperrfeuer schießen, aber natürlich in die Luft. Ich selber habe eine Verabredung mit dem «General»! Komm mit, Old Wabble!» Winnetou gab ihm noch den Rat, das Labyrinth dem Flusse folgend zu betreten, denn der Feind werde versuchen, durch diesen Hinterausgang zu entkommen. Dankend verabschiedete sich Old Surehand und stob mit Old Wabble davon.
Winnetou hatte den Plan seines Freundes verstanden und übernahm nun das Kommando im Tal der verlorenen Schreie. Der Captain, der die Klugheit dieses Indianerhäuptlings bewunderte, fügte sich erleichtert seinen Anordnungen.

Zuerst wurden jetzt die Pferde hinter einen großen Felsvorsprung gebracht und dort angepflockt, damit sie nicht ausbrechen konnten, wenn der Kampflärm sie erschreckte. Dann gingen die Soldaten im Tal und die Indianer in den Felsen in Stellung: Winnetou erkletterte einen hohen Felsgipfel, um von dort für alle sichtbar das Signal zum Beginn der «Schlacht» geben zu können. Er wartete auf die Zeichen von Maki-Moteh und dem Captain, daß alles bereit sei. Dann hob er seine Silberbüchse und feuerte einen Schuß in die Luft. Daraufhin fingen Indianer und Weiße aus allen Gewehren zu schießen an. Salve folgte auf Salve. Tausendfach warfen die Felswände das Echo zurück. Der Himmel wurde verdunkelt vom Rauch.
Im Kommandoraum der Höhle saß der «General» hinter seinem Schreibtisch. Ringsum an den Wänden lehnten seine Getreuen, die ganze üble Räuberbande. Keiner sprach. Alle lauschten angestrengt auf das Knallen der Schüsse aus dem Tal der verlorenen Schreie. Auf dem Gesicht des «Generals» verbreitete sich ein zufriedenes, selbstgefälliges Grinsen. Er war halt doch schlauer als alle andern. Als der Kampflärm verstummte, lachte er: «Das war gut! Reitet jetzt hin und tötet die letzten. Ich komme nicht mit. Mein Kopf muß geschont werden. Er allein weiß, wo das Gold liegt!» . Joe, der Unteranführer, war einverstanden, aber er ließ zwei Scharfschützen zur Bewachung des «Generals» zurück, als er an der Spitze der Bande davongaloppierte. Die Banditen malten sich so eifrig das Vergnügen aus, das sie im Tal der verlorenen Schreie erwartete, daß sie Old Surehand und Old Wabble nicht bemerkten, die beim Herannahen der Banditen eilig Deckung suchen mußten.
Als die Bande bis auf hundert Meter ans Tal herangekommen war, ließ Joe halten. Er ritt allein weiter, um die Lage auszukundschaften. Was er sah, war entsetzlich. Der Talgrund war mit «Leichen» von Soldaten übersät, in den Felswänden lagen und hingen überall «tote» Indianer. Der größte Teil der Kavallerie befand sich jedoch für ihn unsichtbar kampfbereit hinter der Talbiegung. Winnetou hatte sich hinter einem Felsen versteckt und beobachtete. Triumphierend kehrte Joe zu seinen Gesellen zurück: «Es ist gelungen!» rief er, «los, sammelt als erstes alle Gewehre ein!» Johlend ritten die Banditen ins Tal, stiegen ab und gingen auf die «Toten» zu.
Jetzt gab Winnetou das Zeichen zum Angriff, und der Captain gab es an seine Leute weiter. Der Hornist blies das Signal zum Kampf, und schon preschten die Reiter um den Felsen herum in den Rücken der Banditen und schnitten ihnen den Rückzug ab. Diese waren vollkommen überrascht, sich den Soldaten gegenüber zu sehen. Sie wollten in die andere Richtung fliehen, aber die «toten» Indianer waren lebendig geworden und ließen ihnen keine Möglichkeit dazu. Jetzt ritt der Captain vor und befahl scharf, die Hände zu heben. Dann

kamen die Indianer heran, entrissen ihnen sämtliche Waffen und trieben sie neben einen Felsblock zusammen. Als Toby herbeikam, schaute Joe ihn an, als sähe er einen Geist. «Hat der «General» denn nicht ...» stammelte er. Aber Toby achtete nicht auf ihn: «Ich verhafte euch im Namen des Gesetzes!» rief er mit klarer Stimme. Der Captain winkte seine Soldaten heran. Diese fesselten die Banditen.

Der «General» hatte im Sinn gehabt, allein zu der Goldmine zu reiten, während die Bande im Tal der verlorenen Schreie war. Jetzt galt es aber, erst die Bewacher loszuwerden. Er tat, als ob er sie mitnehmen wollte. «Wie wärs, wenn wir das Gold unter uns drei teilten?» fragte er. «Es träfe dann auf jeden mehr.» Dem Banditen Blacky gefiel der Gedanke. Aber er dachte noch weiter. Er erschoß kurz entschlossen den andern Wächter und sagte: «Jetzt trifft es noch mehr auf jeden.» Aber kaum hatte er ausgeredet, streckte ihn eine Kugel des «Generals» nieder. Lächelnd blickte dieser auf seine toten Kumpane: «Auf einen allein trifft es am meisten!» Er nahm den beiden die Waffen ab und schickte sich an, das Labyrinth durch den Hintereingang zu verlassen.
Old Surehand und Old Wabble waren am Höhleneingang angekommen. Sie hatten die Schüsse gehört und errieten sofort, was sie bedeuteten. Surehand hieß seinen Freund hier bleiben, um diesen Eingang zu bewachen. Er selbst wollte tun, was Winnetou ihm geraten hatte. Nach mühsamer Kletterei erreichte er den geheimen Labyrinthausgang. Lautlos schlich er sich hinein, setzte über den Fluß und verschwand in der Höhle. Plötzlich hörte er Schritte und versteckte sich in einer Felsennische. Atemlos keuchend kam sein Todfeind gerannt. Er rief ihn an: «General!» Wie vom Donner gerührt blieb dieser stehen, fuhr herum und zog seinen Revolver. Aber schon krachte Old Surehands Schuß, und die Waffe fiel ihm aus der Hand. Jetzt trat Old Surehand hervor und zwang den «General», die Hände zu heben. Dann sagte er eisig kalt: «Ich bin John Garden! Du stehst vor deinem Ende!» Der «General» hatte sich aber schon gefaßt. Er gab nicht auf. Er versuchte, von Old Surehand um den Preis der halben Goldmine am Teufelskopf sein Leben einzuhandeln.
In diesem Augenblick bohrte sich ein Revolverlauf in seinen Rücken. Er gehörte Old Wabble, der auf den Schuß hin herbeigekommen war. Blitzschnell wirbelte der «General»

herum; riß die Waffe an sich, hielt Old Wabble als lebenden Schild vor sich fest und feuerte, aber erfolglos. Dann versuchte er, Old Wabble immer vor sich haltend, rückwärts gehend den Höhlenausgang zu erreichen. Dazu schrie er: «Garden, ich lege deinen Freund um, wenn du das Gewehr nicht fallen lässest!» Als Antwort riß Old Surehand das Gewehr hoch und schoß. Die Kugel pfiff dicht an Old Wabbles Ohr vorbei und traf den «General» in den Kopf. Old Surehand hatte den Tod seines Bruders gerächt.
Die beiden Freunde schleppten den Toten zum unteren Höhleneingang und legten ihn dort auf ein Pferd. Dann ritten sie Winnetou und dem Captain entgegen.
Am Eingang zum Tal der Skelette, in welchem das Labyrinth lag, trafen die Freunde zusammen. Indianer und Soldaten stellten sich einander gegenüber in langen Reihen auf. Flankiert von den beiden Kriegertruppen saß Winnetou stolz auf seinem tänzelnden Iltschi. Links von ihm hielten Maki-Moteh und der Captain, rechts Toby und Judith. Old Surehand und Old Wabble ritten auf sie zu, und Toby meldete ihnen würdevoll die Gefangennahme von achtundvierzig Banditen. Old Surehand gab ihm ein kurzes Wort des Lobes und führte dann das Pferd mit dem «General» vor Maki-Moteh. «Das ist er», sagte er nur. Der Häuptling warf einen kurzen, verächtlichen Blick auf den toten Banditen. Dann sah er Old Surehand an und sagte fest: «Der Tod meines Sohnes ist gerächt. Maki-Moteh dankt seinem weißen Bruder.» Dann hob er die Hand zum indianischen Gruß, ritt die Front seiner Krieger ab und galoppierte an ihrer Spitze davon. Der letzte Indianer ergriff die Zügel des Packpferdes mit dem toten «General» und führte es mit sich den andern nach.
Auch der Captain bedankte sich bei Old Surehand, ritt dann zu seiner Schwadron und gab das Kommando zum Aufbruch. Er und seine Soldaten mußten jetzt die Gefangenen nach Mason City führen.
Mit leisem Lächeln hatte Winnetou den Abschiedsszenen zugeschaut. Jetzt trat er zu seinem Freund und lud ihn ein, ihn zu einem ungestörten Zusammensein in seinem Lager aufzusuchen. Dann wendete er seinen Iltschi, und im Davonreiten rief er noch zurück: «Auf Wiedersehn, mein weißer Bruder!» Dann galoppierte er davon und war bald den Blicken der Zurückgebliebenen entschwunden.
Jetzt erst wagten sich Judith und Toby herbei, um Old Surehand ihre bevorstehende Hochzeit anzukündigen. Als Hochzeitsgeschenk überreichte er ihnen eine Kopie von Bens Plan, die er in den Taschen des «Generals» gefunden hatte. Die jungen Leute waren überglücklich und konnten ihren Dank kaum in Worte fassen. Old Surehand schickte sie aber mit wohlwollendem Lächeln weg: «Wenn ihr die Soldaten noch einholen wollt, müßt ihr jetzt reiten.» Als sie weg waren, ging er auf Old Wabble zu, der mit traurigem Gesicht dastand. «Komm, mein Alter, wir reiten zusammen!» rief er ihm zu. Da erhellte sich Old Wabbles Miene. Er stieß einen Freudenschrei aus: «Yepee! Wir reiten zusammen!» Seite an Seite verließen die beiden Freunde das Tal der Skelette und ritten im Glanz der untergehenden Sonne neuen Erlebnissen entgegen.


ORIGINAL

ALLE BILDER AUS DEM ULTRASCOPE-FARBFILM
"OLD SUREHAND (1. TEIL)"
NACH DEM GLEICHNAMIGEN ROMAN VON KARL MAY
COPYRIGHT ©1965
PRODUKTION: RIALTO/ JADRAN FILM
VERLEIH: CONSTANTIN-FILM


FILM-PLAKATE-POSTER



Plakat DIN A1 "Old Surehand (1. Teil)" (EA Constantin 1165)


REFERENZ

Erscheinungsjahr 1965  (EA 14.12.1965)
Regie Alfred Vohrer
Drehbuch Eberhard Keindorff, Johanns Sibelius, Alfred Vohrer, Fred Denger
Musik Martin Böttcher
Kamera Karl Löb
Film Ultrascope (2.35:1), 35 mm, Eastman Color
Original-Film (KINO) 2544 m = 92 min. 59 sec.
TV/VIDEO/DVD * 89 min. 16 sec.
FSK: Ab 12 Jahren, einige Wochen danach ab 6 Jahren (gekürzte Version)
Bemerkungen -
Prädikat -
* Die Differenz zur Kinofilm Laufzeit erklärt sich durch die um ein Bild pro Sekunde höhere Video Bildfrequenz.
(KINO 24 Bilder/Sek.) (TV 25 Bilder/Sek.) (PAL-SYSTEM)

(*) Es gab nur einen »OLD SUREHAND« Karl May Film:
Original-Titel: "OLD SUREHAND 1. TEIL"